Evaluation

Evaluation des Gewaltpräventionsprojekts
„Schoolbattle – Hip Hop gegen Gewalt an Schulen“

von M. Papadopoulou

Die einjährige Pilotphase des Projekts „Schoolbattle – Hip Hop gegen Gewalt an Schulen“ endete am 27.06.2009. Während der Pilotphase wurden alle Beteiligten, die das Projekt begleiteten, gefragt, ob und wie Hip Hop einen Beitrag zur Gewaltprävention und Integration an Schulen leisten kann. Erstere lässt sich nach einem Jahr leicht beantworten: Ja, Hip Hop kann einen Beitrag zur Gewaltprävention und Integration an Schulen leisten. Die Frage nach dem „wie?“ lässt sich durch die Entstehung des Gewaltpräventions- und Integrationskonzepts „Schoolbattle – Hip Hop gegen Gewalt an Schulen“ beantworten.
Das „Schoolbattle-Projekt“ ist eine Umsetzung vieler Theorien, die entgegen der vorherrschenden Meinung, Hip Hop sei gewaltverherrlichend, behaupten, dass Hip Hop die Sprache der Jugendlichen spricht und diese nur durch das viel umstrittene Medium erreichbar sind. Das Projekt war zu Beginn sehr vielen Vorurteilen ausgesetzt, auch meinerseits, da Hip Hop in den Medien stets negativ dargestellt wird. Sicherlich steht außer Frage, dass Musik grundsätzlich Einfluss auf ihre Hörer hat; ob dieser Einfluss jedoch negativ sein muss, ist umstritten. Neuere Theorien stellen deutlich heraus, dass kein Zusammenhang zwischen dem Gewaltpotential eines Menschen und seiner Musikpräferenz besteht. Auch ich musste lernen, dass Hip Hop, so wie er heute bekannt ist und von vielen zur Zeit aktuellen Rappern für ihre Zwecke missbraucht wird, aus einer ganz anderen Motivation heraus entstand. Hip Hop war immer die Musik der Unterdrückten, der Unzufriedenen und derer, die etwas an dem vorherrschenden politischen System ändern wollten.
Hier lässt sich die Verbindung zu Jugendlichen, besonders zu Hauptschülerinnen und Hauptschülern, ziehen. Die Gewaltbereitschaft, besonders bei diesen Schülerinnen und Schülern, entsteht aufgrund vieler Faktoren, die nicht bewiesen sind,  die sich dennoch herauskristallisieren: Migrationshintergrund, Inkompetenzen, familiäre Situation, Überforderung und fehlende Hilfestellung durch die Eltern, soziale Ausgrenzung, irreale Selbstsicherheit, negative Beeinflussung durch die Medien, Peergroupgewalt, Aggressivität, Pubertät, Perspektivlosigkeit, Frust, aber vor allem das Gefühl, ein „Hauptschüler“ und somit von der Gesellschaft stigmatisiert zu sein.
Gerade diesen Schülerinnen und Schülern den Hip Hop und seine Geschichte als ein Mittel zum Frustabbau näherzubringen, hat sich das Schoolbattle-Projekt vorgenommen. Anders als andere Gewaltpräventionskonzepte, die zeitlich begrenzt sind, nur für bestimmte Jugendliche zugänglich sind und erst angesetzt werden, wenn diese auffällig geworden sind, geht das „Schoolbattle“-Konzept ursachenorientiert, langfristig und meiner Meinung nach effektiv vor. Die Jugendlichen erhalten durch Rap und Tanz ein Mittel, mit dem sie ihren alltäglichen Frust abbauen können (für weitere Informationen siehe „Infomappe“, www.schoolbattle.info).
Nach nun einem Jahr „Schoolbattle“ kann die Behauptung aufgestellt werden, dass dieses Mittel genau das Richtige für die Jugendlichen war. Zwar wurden nicht alle vom Konzept angedachten Ziele erreicht, da das Konzept aufgrund vieler Faktoren nicht vollkommen umgesetzt werden konnte, dafür wurden aber viele andere positiven Nebeneffekte bemerkt. Bisher hat nur eine partielle Evaluation stattgefunden; eine summative Evaluation steht noch aus. Für die Evaluation wurden die Evaluationsmethoden der Beobachtung und Dokumentenanalyse angewandt; weiterhin wurden Reflexionsgespräche mit allen beteiligten Schülerinnen und Schülern geführt, die folgende Ergebnisse hervorbrachten:
Alle Schülerinnen und Schüler bestätigten, dass
•    sie Aggressionen durch das intensive Training abgebaut haben
•    sie durch das entstandene Gemeinschaftsgefühl einander respektierten und tolerierten
•    zahlreiche neue Freundschaften entstanden sind
•    es keine Schwierigkeiten und  Rivalitäten mehr zwischen den Schülerinnen und Schülern beider teilnehmenden Schulen gibt
•    ihr Selbstvertrauen/Selbstbewusstsein durch die vielen Erfolge und die große Medienpräsenz angestiegen ist
•    sie mittlerweile kein Problem mehr damit haben, sich zu ihrer Schule zu bekennen und sich mit ihr zu identifizieren
•    sie Anerkennung durch ihre Eltern und ihren Lehrerinnen und Lehrern erhalten haben
•    sie Verantwortung übernahmen für sich und andere
•    sie gelernt haben, sich an Regeln zu halten
•    sie ein Hobby in ihrem Leben gefunden haben, dass ihnen Spaß bereitet und sie weiterbringt
•    sie ihre Stärken/Schwächen erkannt haben und diese durch intensives Training abbauen/festigen konnten.
Letztendlich sind alle Schülerinnen und Schüler aufgrund der oben genannten Ergebnisse weitestgehend über ein Jahr gewaltfrei geblieben.
Aus den oben beschriebenen Ausführungen lässt sich das Resümee ziehen, dass das Projekt erfolgreich war, trotz zahlreicher Abweichungen vom ursprünglichen Konzept. Auch wurden viele Preise gewonnen, wie den „Xpress yourself“-Songwriterwettbewerb und die Auszeichnung des „Bündnisses für Demokratie und Toleranz“ als „vorbildliches Projekt“, die den Erfolg des Projektes untermauern.
Für mich hat die Pilotphase des „Schoolbattles“ gezeigt, dass das Projekt durch den Hip Hop einen großen Beitrag zur Integration geleistet hat, da er ein Mittel zur Verständigung unter Jugendlichen ist, das auch ohne gemeinsame Sprache verstanden, gelebt und erlebt werden kann, da er Vorurteile, Berührungsängste und Sprachhindernisse abbaut, Aspekte anderer Kulturen spielerisch und gewaltfrei überliefern und neue gemeinsame Ziele schaffen kann.

Zur Nachhaltigkeit des Programms

von D. Scholz

Kritikpunkt „Eventcharakter“: Wie dauerhaft wirken die Resultate, die durch das Schoolbattle-Programm vermittelt werden? Liegt den Erfolgen vielleicht am Ende nur ein kurzfristiger Enthusiasmus zugrunde, dessen Wirkung nach Abschluss der letzten Unterrichtsstunde wieder verpufft?

„Hip Hop gegen Gewalt an Schulen“ ist ein ressourcenorientierter Ansatz, der die Stärken und Talente der Teilnehmer fördert, anstatt an ihren vielzitierten Defiziten anzusetzen. Durch Erfolgserlebnisse und Anerkennung für sozial kompetentes Verhalten und Leistung entwickeln die Jugendlichen ein positives Selbstwirksamkeitsgefühl und erlangen Vertrauen in ihre Fähigkeiten. Diese dauerhaft in das Selbstkonzept integrierte Einstellung wirkt auch nach Ende des Programms weiter und wird in der Umkehrung des bekannten Teufelskreises durch weitere Erfolge im schulischen und sozialen Bereich immer mehr gefestigt. Der Glaube daran, selbstgesetze Ziele erreichen zu können, spielt eine entscheidende Rolle für das weitere Bildungsverhalten der Schüler.

Die erlernten Soft Skills und Konfliktbewältigungsstrategien unterstützen dabei diesen Prozess und erschließen den Teilnehmern größere Chancen im Schul- und Berufsalltag. Zudem wird relevantes Wissen durch die neuartige Vermittlung des Stoffs für die Schüler greif- und verfügbarer; die vorher oft negative Einstellung zu Schule und Lernen wird durch neue Motivation verbessert und fördert Neugier sowie die Freude am eigenständigen Denken – Fähigkeiten, die über verbesserte Schulleistungen die Zukunft der Jugendlichen ebenfalls dauerhaft zu beeinflussen vermögen.

Mittels gezielter Infragestellung kontraproduktiver Wertesysteme durch authentische, prestigeträchtigen Coaches und die aktive Auseinandersetzung mit einem auf Respekt und Toleranz basierenden Miteinander werden die Norm- und Wertvorstellungen der Jugendlichen in einer besonders prägbaren Phase ihres Lebens nachhaltig beeinflusst. Die Möglichkeit, über Kreativität, Engagement und Disziplin Respekt zu erringen, erleichtert hierbei den Aufbau einer moralisch sensiblen, gewaltresistenten Persönlichkeit, die sich ihrer Möglichkeiten im Leben bewusst ist und von kompensatorischer Selbstbestätigung über Aggressionen oder Drogenkonsum Abstand nehmen kann. Dies alles sind Effekte, die mit der Identitätsbildung eng verbunden sind und damit über die Dauer des Projekts hinaus als immanenter Teil der Person weiterexistieren.

Wichtig ist zudem der Integrationscharakter des Programms: Hip Hop als Schnittpunkt und eigenständiger „Kulturkreis“ vereint das heterogene Feld der Zielgruppe unter gemeinsamen Ziel-und Wertevorstellungen, die soziale, religiöse, ethnische und ökonomische Grenzen überschreiten. Die psychische Empfindung einer so genannten „In-Group“ ermöglicht die gegenseitige Reflektion der Angehörigen dieser Kultur auf einer Basis von Solidarität, Gleichheit und Zusammengehörigkeit, welche Vorurteile infrage stellt und negative Fremdbilder in einen kritischen Blickpunkt rücken lässt. Überaus wertvoll hierbei ist auch der Zugang, der sich den Lehrern auf diesem Weg als wirksame Kommunikationsmöglichkeit zu den Schülern erschließt und die im heutigen Bildungssystem entstandenen Entfernungen zwischen beiden Seiten zu überbrücken vermag. Die daraus erwachsenden Vorteile – sowohl für die Teilnehmer in ihrem beruflichen und sozialen Werdegang, als auch für das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt, die Gesellschaft und die Integrationspolitik – sind dabei enorm (siehe Punkt 3). Eine weiterführende Betreuung und die Ausarbeitung eines bundesweiten Netzwerks an Fördervereinen, Partnerschulen und Schirmherren gewährleistet dabei ein dauerhaft bestehende

Die von dem Projekt „Schoolbattle“ beeinflussten Persönlichkeitsaspekte, Fähigkeiten und Einstellungen setzen einen Kreislauf aus positivem Verhalten und daraus resultierenden Erfolgserlebnissen in Gang und wirken somit wesentlich nachhaltiger auf das Leben der Jugendlichen als ein herkömmlicher Schulunterricht. Dieser Fakt konnte bereits in einer pädagogischen Evaluationsarbeit einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Projekts nachgewiesen werden und wird im Rahmen der Diplomarbeit einer zweiten wissenschaftlichen Mitarbeiterin mittels einer psychologischen Studie auf statistische Signifikanz hin untersucht.

Kritikpunkt „Eintagsfliege“: Wie lang wird Hip Hop noch modern sein, und was geschieht mit dem Programm, wenn der Hype vorrübergeht und die Charts wieder von anderen Musikrichtungen dominiert werden?

Sich über Kunst und Musik selbst zu verwirklichen, und sich im künstlerischen Wettstreit auf diesen Gebieten zu messen, ist schon immer ein Teil menschlicher Kultur gewesen. Fakt ist, daß Hip Hop trotz der kurzen Halbwertszeit heutiger Trends seit bereits über 30 Jahren existiert, und das auch nur als moderne Form wesentlich älterer afrikanischer oder lateinamerikanischer Traditionen. Die Wurzeln und Urformen des Hip Hop erstrecken sich dabei Jahrhunderte in die Vergangenheit und sind über den gesamten Globus verteilt. Ab dem Moment, in dem soziale Ungleichheit und Identitätskonflikte von ethnischen oder religiösen Minderheiten zu existieren begannen, entstand auch die Motivation in den betroffenen Menschen, sich Gehör zu verschaffen, zu protestieren und Solidarität einzufordern. Hip Hop ist demnach nur die aktuelle Bezeichnung, die aktuelle Variante eines viel älteren Verhaltensmusters, welches immanent in der menschlichen Psyche verankert ist: dem Streben nach Identität und Respekt. Diese durch Hip Hop umgesetzten psychischen Bedürfnisse werden deshalb auch dauerhaft als Resultat gesellschaftspolitischer Problemstellungen bestehen bleiben – besonders im Bereich der Integration von marginalisierten und benachteiligten Bevölkerungsgruppen.

Sollte Hip Hop in der heuten Form einmal nicht mehr bestehen, so werden sich andere kreative Ausdrucksformen finden, um die notwendige Selbstverwirklichung zu gewährleisten – in neuen Formen von Tanz, Musik und Kunst. Das Schoolbattle-Programm kann problemlos an die veränderten Gegebenheiten und Musikrichtungen angepasst werden, da die Grundstrukturen erhalten bleiben. Schließlich benötigt jeder Song einen Text und eine Melodie, jeder Tanz eine Choreographie und jede künstlerische Gestaltung Technik und Kreativität. Da sich der Schoobattle-Ansatz zuerst an den Stärken und Interessen der Schüler orientiert, und die zur Wissensvermittlung verwendete Subkultur ein flexibel austauschbares Medium darstellt, sind wir daher unabhängig von aktuellen Trendspitzen.